Konvergenz

Microsofts Angst vor RTL und Hollywood

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18. Oktober 2004Druckversion | Versenden | Leserbrief
ZAHMER VIDEORECORDER

Microsofts Angst vor RTL und Hollywood

Von Holger Dambeck

Mit seinem frisch renovierten digitalen Videorecorder will Microsoft endlich den Weg in die Wohnzimmer schaffen. Damit es keinen Ärger mit privaten TV-Stationen gibt, fehlt beim Media Center 2005 eine Schnittfunktion - die Werbeblöcke bleiben drin.

Gates mit Media Center 2005: "Digitaler Lifestyle von morgen"Für manchen Film- oder Musikmanager muss es ziemlich bedrohlich klingen, wenn Microsoft, der größte Softwarekonzern der Welt, den Computer zum "Herzstück des digitalen Lifestyles von morgen" erklärt. Sind PCs nicht vor allem das Werkzeug der Raubkopierer? Und Tauschbörsen im Internet nicht der weltgrößte Umschlagplatz für Hehlerware?

Doch wirklich fürchten braucht man sich in Hollywood und bei den Plattenfirmen vor Bill Gates Visionen nicht. Denn Bill ist ein good guy und will Raubkopierern das Leben so schwer wie möglich machen. "Uns geht es ja selbst wie der Musik- oder Filmindustrie, denn wir wollen für unsere Leistungen bezahlt werden", betont Gates.

Microsoft setzt voll und ganz auf digitales Rechtemanagement (DRM). Die Antwort auf MP3 und DivX heißen WMA und WMV - jeweils mit detailliert festlegbaren Brenn-, Kopier- und Abspiellizenzen.

Und Microsoft tut sogar noch mehr. Bei der vergangene Woche vorgestellten Media Center Edition 2005, einem Windows-XP mit digitalem Videorecorder, Diashow-Funktion und Musikverwaltung, hat das Unternehmen nicht alles umgesetzt, was möglich ist.

Windows Media Center: Werbeblöcke bleiben drinZwar kann der so genannte Personal Video Recorder (PVR) jetzt auch einen Film aufnehmen, während man eine Sendung auf einem anderen Sender schaut. Auch die Werbung per Vorlauf zu überspringen, ist damit kein Problem.

Doch eine elementare Schnittfunktion fehlt nach wie vor. Wer eine Aufnahme auf DVD brennt, was auf der Fernbedienung wenige Knopfdrücke erfordert, schreibt auch die Werbeblöcke mit auf die Scheibe. Sehr ärgerlich vor allem bei längeren Filmen, die dann nicht mehr auf eine DVD passen, oder mit Qualitätseinbußen stärker komprimiert werden müssen.

"Wir wollen nicht Dinge auf den Markt bringen, die man später nur mit großem Aufwand wieder rückgängig machen kann", erklärte ein Microsoft-Manager in der vergangenen Woche am Rande der Präsentation des Microsoft-Videorecorders in Hamburg.

Micrsoft will es sich offenbar mit den privaten TV-Stationen nicht verscherzen, denn diese begreifen digitale Videorecorder zunehmend als Bedrohung für ihr Geschäft. Auch wenn derzeit nur die kleine Gruppe der Early Adopter mit PVRs fernsieht - es könnten schon bald viel mehr sein.


TC Unterhaltungselektronik AG / fernsehfee.deTV-Werbeticker auf fernsehfee.de: Klage von RTL"Wir beobachten die Entwicklung sehr genau", sagt RTL-Sprecher Christian Körner gegenüber SPIEGEL ONLINE. An einen baldigen Durchbruch der Technik glaubt er jedoch nicht: Fernsehen sei für viele ja auch zeitliche Orientierung im Tagesablauf. "Wenn um 20.15 Uhr 'Wer wird Millionär' beginnt, dann muss das Essen um Acht auf dem Tisch stehen." An den Gewohnheiten, die sich über viele Jahre entwickelt hätten, werde sich so schnell nichts ändern. Und: "Nicht alles was technisch möglich ist, spricht den Zuschauer an."

Technisch möglich ist zum Beispiel das automatische Ausblenden von Werbung. Eine Funktion, die eventuell sehr viele Menschen ansprechen könnte. RTL wollte es gar nicht erst so weit kommen lassen und verklagte die TC Unterhaltungselektronik AG, den Hersteller der Fernsehfee. Die kleine Box stoppt den Videorecorder während der Werbeblöcke oder zappt einfach weg. Doch das Gerichtsverfahren endete aus RTL-Sicht wenig erfreulich: Am 25. Juni wies der Bundesgerichtshof die RTL-Klagen in letzter Instanz zurück - RTL verzichtete überraschend auf eine Verfassungsbeschwerde.

"Wir sind nicht vors Bundesverfassungsgericht gegangen, weil der Gegenstand der Klage, Fernsehfee 1, nicht mehr existiert", sagte RTL-Sprecher Körner. Der Clinch mit den Fernsehfee-Erfindern ist damit nicht beendet. RTL habe bereits eine einstweilige Verfügung vor dem vor dem Landgericht Köln gegen das aktuelle Nachfolgermodell der Fernsehfee erwirkt, so Körner. Die finde demnächst statt.

Weil sich ein Siegeszug digitaler Videorecorder möglicherweise ja doch nicht verhindern lässt, tüfteln die Privatsender bereits an alternativen Werbeformen, die Werbekiller ins Leere laufen lassen. "Warum soll nicht rechts oben das Logo eines Sponsors eingeblendet sein?", fragt RTL-Sprecher Körner. "Warum soll es nicht viele kurze Werbeunterbrechungen geben statt zwei oder drei langen Werbeblöcken?"

Gates mit Queen Latifah: "Uns geht es wie der Musik- oder Filmindustrie"Die Werberichtlinien sollten überdacht werden, meint Jörg Blumtritt vom RTL2-Werbevermarkter El Cartel Media. Dies sei dringend erforderlich, wenn es weiterhin erfolgreiches privat finanziertes Fernsehen geben solle, sagte er dem Fachblatt "Werben und Verkaufen".

Die neueste Erfindung von Fernsehsendern und Hollywoodstudios ist das so genannte Broadcast-Flag. Bei jeder Sendung kann damit festgelegt werden, ob diese mit digitalen Videorecordern aufgenommen werden darf. In den USA ist das Flag bereits Gesetz - Hersteller müssen ihre Festplattenrecorder ab Mitte nächsten Jahres entsprechend ausrüsten. Auch Microsofts Media Center 2005 unterstützt das Flag. Ob und wann es in Deutschland kommt, ist noch ungewiss.

Doch die Hollywoodstudios werden dem fröhlichen Treiben der Festplatte-DVD-Recorder-Kombinationen wohl nicht mehr lange tatenlos zuschauen. Die Leute sollen schließlich DVDs im Laden kaufen und nicht zum Nulltarif bei ARD oder RTL aufnehmen.


ZUM THEMA IN SPIEGEL ONLINE
Forum: Vollbedienung - Das Wohnzimmer als Entertainment-Center? (14.10.2004)



ZUM THEMA IM INTERNET
Microsoft: Der lange Weg ins Wohnzimmer (manager-magazin.de)
Fernseefee.de

Das Internet kommt ins Wohnzimmer

Internationale Funkausstellung
Das Internet kommt ins Wohnzimmer
Von Holger Schmidt
Text: ht. / Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.09.2003, Nr. 202 / Seite 16

31. August 2003 Kommt das Internet auf den Fernseher, oder bewegt sich das Fernsehen auf den Internet-Bildschirm? Für die Mehrheit der Aussteller auf der Internationalen Funkausstellung (Ifa) in Berlin ist die Antwort auf die ewig junge Frage nach der Konvergenz der Medien inzwischen klar: Im Zentrum der Unterhaltung steht nicht der Personalcomputer, sondern der Fernseher.
Entsprechend hat sich das Internet auf den Weg aus dem Arbeitszimmer auf den Fernsehbildschirm im Wohnzimmer gemacht.

"Der Fernseher wird zum Medien-Center", beschreibt Rainer Hecker, Vorstandsvorsitzender des Herstellers Loewe, die Sicht der Fernsehindustrie. ..

.. Georg Kofler, Chef des Zahlfernsehsenders Premiere, mochte sich der MHP-Welle nicht anschliesseen: "In den kommenden 12 Monaten investieren wir keinen Cent in MHP." Kofler, dessen Set-Top-Boxen in rund drei Millionen Haushalten in Deutschland stehen, sieht keinen Grund, ein Konkurrenzangebot mit aufzubauen.

MHP steht noch ganz am Anfang. Bisher sind in Deutschland erst wenige tausend Geräte verkauft worden. Wenn es nach dem Willen der Anbieter geht, soll die Ifa mit neuen Geräten und Anwendungen für die nötigen Impulse sorgen. Daher zeigt rund ein Dutzend Aussteller elektronische Programmführer, Quizsendungen, Spiele und E-Mail-Anwendungen auf MHP-Basis. Zum Beispiel haben der niederländische Elektronikkonzern Philips und der Handelsriese Otto alle 133 000 Artikel des Otto-Kataloges in das digitale Fernsehen übertragen. Zuschauer, die sich eine Set-Top-Box nach dem MHP-Standard zulegen, können mit der Fernbedienung die Otto-Produkte bestellen. Die Order wird über die Telefonleitung übertragen.

Bebilderte Vorschau

Nicht nur Distanzhändler, sondern auch Medienunternehmen experimentieren mit dem interaktiven Fernsehen. Die Bauer-Verlagsgruppe
präsentiert auf der Ifa eine interaktive Fernsehzeitung, die per Satellit auf Sendung geht. Neben einer bebilderten Vorschau liefert die Anwendung Programmtips und Hintergrundinformationen. Der Fernsehsender RTL arbeitet an interaktiven Anwendungen, die dem Zuschauer die zeitgleiche Reaktion auf Live-Übertragungen von TV-Shows, Formel-1-Rennen oder Fußballspielen ermöglicht. Der Zuschauer kann direkt mitraten oder auf den Sieger wetten. Der Fernsehsender Pro-Sieben-Sat.1 zeigt in Berlin in Zusammenarbeit mit Sony sein interaktives Portal iTV. Dort können Zuschauer zum Beispiel die Wettervorhersage für ihre Region abrufen. Auch hier sorgt die Telefonleitung für den Rückkanal.

Gefahr für Videotheken

Reinrassiges Internet auf dem Fernsehschirm plant dagegen der Zugangsdienst T-Online. Die Datenpakete werden nicht über die digitale Satellitenverbindung übertragen, sondern gelangen per DSL in das Wohnzimmer. Die Darmstädter wollen von Dezember an Spielfilme über die Internetverbindungen in die Haushalte transportieren und dort mit Hilfe einer Set-Top-Box auf den Fernsehschirm bringen. Jede Nacht werden die Spielfilme auf die Festplatte der Box übertragen, die Fujitsu-Siemens herstellt. Die Kunden können sich dann einen der angebotenen Filme anschauen, aber auch Filme aus einer Bibliothek auswählen. Die Telekom-Tochtergesellschaft hat inzwischen erste Lieferverträge mit den Fernsehstudios Universal und der Spielberg-Produktionsfirma Dreamworks geschlossen. Der Rückkanal zum Internet wird ebenfalls über den DSL-Teil des normalen Telefonkabels hergestellt. Gelingt dem Internet der Sprung auf den Fernseher, dürften die Videotheken auf lange Frist Teile ihrer Kundschaft verlieren.

Drang ins Wohnzimmer

Den Kampf um die Vorherrschaft im Wohnzimmer haben die Computerhersteller aber noch lange nicht aufgegeben. Mit einem Alternativkonzept wartet zum Beispiel Microsoft auf. Der Softwareriese hat auf Basis seines Windows-XP-Betriebssystems eine "Media Center
Edition" auf den Markt gebracht. Der Medien-Computer vereint Fernseher, Musikanlage, Fotoarchiv und PC in einem Gerät. Die größte Herausforderung für die Microsoft-Ingenieure ist aber nicht die Technik, sondern die Nutzerfreundlichkeit. Damit die Konsumenten die Media Center Edition im Wohnzimmer akzeptieren, muß die Bedienung sehr einfach mit der Fernbedienung möglich sein. Systemabstürze oder lange Wartezeiten wird der Medienkonsument im Wohnzimmer nicht akzeptieren. Diese Herausforderung scheinen die Microsoft-Techniker gemeistert zu haben, denn zumindest in Amerika kommt das neue Konzept gut an. Der Start in Europa soll wohl noch in diesem Jahr erfolgen.

Auch der Unterhaltungskonzern Sony stellt den Computer in das Zentrum seiner Strategie. Sony präsentiert auf der Ifa seine "Vaio Home Server"-Komponenten. Ein Medien-Server verbindet den Computer per Kabel
oder Funk (W-Lan) mit dem Fernseher. Philips nutzt bei seinen Vernetzungskonzepten den Computer dagegen vorwiegend als Inhaltelieferanten. Die Brücke vom Wohnzimmer zum Schreibtisch soll per W-Lan-Funktechnologie erfolgen. Anfang 2004 will das niederländische Unternehmen ein System in den Handel bringen, das auch ohne Computer auf Internetinhalte über einen Breitbandanschluß zugreifen soll.

Text: ht. / Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.09.2003, Nr. 202 / Seite 16

Anmerkung von TC: Alle hier vorgestellten "Konkurrenz"-Lösungen werden in unserem Kaufberater vorgestellt und verglichen. Tvoon schneidet dabei meistens preislich mit Abstand führend ab. Allerdings ist es strategisch für TC ohne Bedeutung, welche Vernetzungs-Hardware der Kunde benutzt. Die Voraussetzung für die iTV-Applikationen von TC ist lediglich, daß überhaupt PC/Internet-gestütztes Fernsehen möglich ist.

Spiegel-Online, der Kampf um die Glotze

OpenTV schließt Münchner Büro
17.10.2002 - Fast die Hälfte der Mitarbeiter wird weltweit entlassen.
Der iTV-Anbieter OpenTV hat eine große Restrukturierungsmaßnahme angekündigt und will bis Ende März 2003 weltweit 315 Stellen (47 Prozent der Belegschaft) abbauen. Parallel dazu sollen acht regionale Niederlassungen, unter anderem auch die deutsch Niederlassung im Münchner Vorort Ismaning, geschlossen werden.

OpenTV reagiert damit auf die schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen beim Digitalen Fernsehen. Wegen der geringen Kundennachfrage hätten viele Betreiber Pläne für interaktive TV-Dienste erst einmal auf Eis gelegt, so CEO James Ackermann. Jetzt will OpenTV als Liberty-Media-Tochter sich erst einmal "gesundschrumpfen". Die Restrukturierungsmaßnahmen sollen Einsparungen von 60 Millionen Dollar jährlich bringen. Wegen der Schließung einer Filiale mit 60 Mitarbeitern in Napervile, Illinois, erwartet das Unternehmen zusätzlich eine Abschreibung von 4,1 Millionen Dollar. OpenTV verbuchte im zweiten Quartal einen Nettoverlust von 30,8 Millionen Dollar bei 14,2 Millionen Dollar Umsatz.
Quelle: www.set-top-box.de